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es war einmal...

[neuer Thread|faq|Threads ein/aus klappen]

Gregorian Blake schrieb am 09-05-2010 16:15:00 : Emilia
„Und wie hast du dir das vor...“, der Rest der Frage ging unter, denn sie war schon wieder, auf der Suche nach etwas, in einem der angrenzenden Räume verschwunden.
„Ich habe keine Ahnung“. Blake sah hinter ihr her. „Wir haben bisher noch keine Informationen darüber, wo sie sich aufhalten könnten, als ob sie vom Erdboden verschluckt wären. Das, was wir bisher wissen, ist zwar sehr nützlich, sollten wir seine Biographie schreiben wollen, hilft uns aber nicht weiter in bezug auf seinen Aufenthalt“. Er seufzte.
„Aber ich hab’s Oxana versprochen“.
„Du und deine Versprechen“. Kama schmunzelte. „Aber ich versteh es. Ahh...“ Ihre Augen weiteten sich und sie griff sich ihre Handtasche vom Sofa. „Da ist sie. Ich habe da vollstes Vertrauen in dich. Genauso wie sie. Du machst das schon“.
Sie warf ihm eine Kusshand zu und entschwand zu ihrer Verabredung mit Ulin.

Er wünschte sich, er hätte auch diese Zuversicht.
Seufzend stand er vom Schreibtisch auf, ging hinaus in den Flur, griff sich die Schlüssel für das Hovercraft und verließ das Haus.

Als er die Firma betrat, war Kara bereits da. Natürlich, war sie schließlich die Perfektion in Person.
„Na, ausgeschlafen?“ Sie zwinkerte ihm zu. „Du solltest früher ins Bett gehen“.
Blake zuckte die Achseln. „Das würde auch nicht helfen. Gibt’s irgendwas?“
„Hm, das übliche. Ich hab dir das wichtige auf den Schreibtisch gelegt. Achso...“
Blake war grade im Begriff durch die Zwischentür in sein Büro zu verschwinden. „Ja?“ Er drehte sich wieder um.
„Duke hat sich gemeldet“.
„Und?“ Für Informationen des Duke ließ Blake alles andere sofort liegen, denn der meldete sich nur, wenn er etwas wirklich sicheres hatte.
Kara sah in ihre Unterlagen.
„‚Sagen sie Blake, ich habe den Kerl gesehen’. Das war’s. Schon seltsam“.
„Hmm... Mir scheint, es kommt wieder Bewegung in die Sache. Prächtig“.
Die Energie, die ihn sonst auszeichnete, kam auf einen Schlag zurück. Er verschwand in sein Büro, um sich näher mit der Sache zu befassen und den Duke zu kontaktieren.

Das war es also. Möglicherweise endlich ein Punkt, an dem man ansetzen konnte. Emilias Entführung lag nun schon einige Wochen zurück und Blake hatte bisher ernste Zweifel gehabt, ob sie die junge Frau jemals finden würden. Aber nun hatte es neue Anhaltspunkte gegeben.
Der Duke hatte den Sicherheitschef in Yomuk, Maratin, gesehen. Das konnte die ganze Sache ziemlich vereinfachen, da der Planet und somit auch seine Institutionen mehrheitlich in der Hand von Piraten waren und somit der Grundsatz galt: Geld hat Recht.
Natürlich musste er auf der Hut sein. Sollte der Sicherheitschef tatsächlich ein so mächtiges Tier im Rücken haben, wie es den Anschein hatte, konnte sich auch alles blitzschnell zu seinem Nachteil entwickeln. Aber erst einmal hieß es natürlich, den Kerl finden.

Er benötigte etwa eine halbe Stunde, dann hatte er alles nötige in die Wege geleitet und verließ das Büro. Er würde sich mit dem restlichen Team auf dem Yomuk-Raumhafen treffen.

Während des Fluges zum Maratin vertiefte Blake sich noch einmal in seine Unterlagen: der Sicherheitschef der ‚Caracas Nights’, seine enormen Spielschulden, die plötzlich mit einem Schlag getilgt waren und seitdem in unregelmäßigen Abständen immer wieder Bareinzahlungen von nicht unerheblichen Geldbeträgen.
Der Sicherheitsmann schien eine Einnahmequelle gefunden zu haben, die seine Spielsucht kompensierte und zudem noch soviel abwarf, dass er sich inzwischen in einer recht angenehmen finanziellen Situation befand.
Nach einiger Überlegung ließ sich, wie Blake fand, ein Zusammenhang zwischen Oxanas Entführung und den Geldern nicht mehr verleugnen. Er hatte Oxana verkaufen wollen, diese war ihm jedoch wieder entrissen worden. Da er aber die Ware schon zugesagt hatte, musste er sich Ersatz besorgen und da kam ihm die arme Emilia gerade Recht.
Natürlich hatten sie versucht, zwischen den Geldeingängen auf seinem Konto und Entführungen junger Frauen eine Verbindung zu entdecken, aber gefunden hatten sie nichts. Es gab absolut keine Vermisstenmeldungen in Umfeld besagter Geldeingänge auf den Konten des Sicherheitschefs.
Dennoch war Blake sich sicher, dass der Mann für ähnliche Dienste entlohnt worden war. Das ließ eigentlich keinen Zweifel mehr daran, dass es einen mächtigen Hintermann gab, der alle möglichen Auffälligkeiten unter den Teppich kehren konnte, bzw. kehren ließ.

Als das Linienschiff am Nachmittag den Maratin erreichte, hatte Blake noch einige Stunden geschlafen und war dementsprechend jetzt voller Tatendrang.
Der Rest des Teams war bereits angekommen und wartet wie verabredet in einem kleinen Cafe in der Nähe des Raumhafenkomplexes.

„Hat jeder das Dossier bekommen und durchgearbeitet?“
Blake warf einen Blick in die Runde. Einhelliges Nicken. „Fragen dazu?“ Kopfschütteln. „Habt ihr alles dabei?“ Wieder Nicken. „Gut. Hier ist die zusätzliche Ausrüstung“.
Er schob jedem der Vier eine kleine Kiste zu. „Das hier...“, er entnahm aus einer der Kisten einen kleinen Gegenstand, der aussah wie ein geschrumpfter Mikrochip, „ist die neuste Entwicklung auf dem Gebiet der Kommunikation. Van Braak Industries hat sich nahezu selbst übertroffen“, grinste er, „absolut abhörsicher und praktisch nicht durch Sensoren zu entdecken“.
„Völlig unmöglich!“ Trisha, die einzige Frau in der Runde und Spezialistin in Sachen Abhör- und Computertechnik, schüttelte energisch den Kopf. „Jedes Gerät, und sei es noch so klein, kann durch seine Energiequelle geortet werden. Die Energiesignatur, die es aussendet, kann leicht mit den entsprechenden Geräten aufgespürt werden“.
„Das ist ja gerade das Revolutionäre. Es besitzt keine eigene Energiequelle. Das ist ein neurales Kommunikationsinterface. Es benutzt den Körper des Trägers als Energiequelle. Einmal vereinfacht gesagt: es gräbt sich unter die Haut, verbindet sich mit den Nervenbahnen, und benutzt die elektrischen Impulse des Körpers als Energiequelle. Also keine auffällige Signatur“.
Drei skeptisch dreinblickende Augenpaar starrten ihm entgegen.
„Dann hab ich also so ein Ding in der Birne. Und was dann?!?“ Vic schien von der Vorstellung wenig angetan. Trisha jedoch schien fasziniert, ihre dunklen Augen funkelten.
„Das ist ja geil. Wenn es das kann, was ich denke, das es kann, dann ist das der Hammer“.
„Ah ja?“
„Klar! Stell dir mal vor, Vic, du könntest dich mit anderen unterhalten, ohne dass irgendwer das mitbekommt. Du bräuchtest nur was zu denken und der andere könnte das hören. Keine sichtbare Technik mehr. Absolut unauffällig“.
Blake nickte. „Und es kann weit mehr als das. Wenn es aktiviert ist, bildet es mit den anderen so eine Art Netzwerk, was es nicht nur erlaubt, den anderen zu hören, sondern auch, Bilder und sogar Gerüche, die der andere wahrnimmt, selber wahrzunehmen“.
„Das ist schon eine tolle Sache“, Vic musste da zustimmen, „aber heißt das nicht auch, ich bin nie mehr allein mit mir?“

Einen Moment herrschte Stille. Doch dann konnte Trisha sich nicht mehr zurückhalten und prustet lauthals los, so dass sich die anderen Gäste umdrehten. Blake warf ihr einen ärgerlichen Blick zu.
„Doch, sicher. Du kannst es deaktivieren und bei Bedarf wieder aktivieren".
Sie diskutierten noch etwas über das Für und Wider der neuen Technik, doch schließlich waren alle einverstanden.
Blake, der das Implantat bereits seit einiger Zeit trug, verzog keine Miene, als die anderen ihn aus erschreckt aufgerissenen Augen und leicht schmerzverzerrtem Gesicht anstarrten. Er hatte wohl die Kleinigkeit zu erwähnen vergessen, dass der Implantationsvorgang durchaus schmerzhaft war. So was aber auch!
Eine Weile blieben sie noch zusammen sitzen, um sich von Blake in die Funktionsweise des Implantats einweisen zu lassen.

„So, dann können wir loslegen. Jeder weiß, was er zu tun hat?“
Erneut ein einhelliges Nicken.
„Also, dann. Auf geht’s!“
Blake warf einige Credits auf den Tisch, die fünf verließen das Cafe und jeder verschwand in die für ihn vorher festgelegte Richtung.


Etwa eine Stunde später, es begann gerade dunkel zu werden, hörte Blake die Stimme Ikarus. Er hatte den Sicherheitschef gefunden, oder genauer gesagt, er hatte das Hotel gefunden, in dem dieser wohnte.
Blake machte auf dem Absatz kehrt und spurtete durch die Straßen. Unterwegs hörte er, wie die anderen die Meldung bestätigten und ebenfalls auf dem Weg waren. Blake war der erste, der vor dem Hotel eintraf. Ikaru stand hinter einem der zahlreichen großen Bäume schräg gegenüber dem Eingang und wartete.
„Und? Was ist?“
„Nichts“. Ikaru schüttelte den Kopf. „Er ist nicht da. Hat vor drei Stunden das Hotel verlassen und war seitdem noch nicht wieder da. Wohnt in Zimmer 247, allein“. Er macht eine kurze Pause. „Und die Empfangsdame heißt Zoe und ist ledig“. Er lächelte verschmitzt. „In zwei Stunden hat sie Feierabend...“
„Ich glaube nicht, dass du dann Zeit hast“, Blake knuffte ihn in die Seite. Ikaru zog eine Grimasse, vermied aber eine weitere Erwiderung.
Blake hatte sich, während er durch die Straßen Maratins lief, schon einen Plan erdacht, wie sie vorgehen würden, doch als er jetzt vor dem Hotel stand, musste er einsehen, dass sein Plan nicht gelingen würde. Er hatte mit einer schäbigen, allenfalls mittelmäßigen Absteige gerechnet. Möglichst wenig auffallen. Aber das hier war, gelinde gesagt, das genaue Gegenteil. Ein Vier-Sterne-Hotel mit eigenem Sicherheitsdienst und Überwachung. Ihn beschlich eine böse Ahnung. Wieder einmal hieß es umdisponieren. Aber er wäre nicht Blake, wenn er nicht auf alles vorbereitet wäre. War doch gut gewesen, dass er die Ausrüstung, die sie eventuell brauchen könnten, eingepackt hatte. Kara hatte ihn zwar noch wegen der großen Reisetasche aufgezogen, aber er wollte doch mal sehen, wer hier zuletzt lachen würde.

„Ikaru und Vic, ihr hört euch mal in der Nachbarschaft hier um, vielleicht erinnert sich jemand an den Kerl. Bild und Namen habt ihr ja. Obwohl ich nicht glaube, dass der Name euch viel bringt“. Die beiden nickten. „Und du“, er blickte den dritten im Bunde, von allen nur ‚der Schweiger’ genannt, an, „schiebst hier Wache, für den Fall, dass er zurückkehrt.
„Und wir zwei“
, er lächelte Trisha an, „werden uns hier jetzt ein Zimmer nehmen“.
Dass Trisha und Blake sich bereits vorher über das neue Interface abgesprochen hatten, ahnten die drei anderen nicht und so war es nicht verwunderlich, dass sie sich ob Trishas Erwiderung fassungslos ansahen. Arm in Arm marschierten die beiden auf das Eingangsportal des Hotels zu.
„Steht da nicht rum, tut was!“ Blakes Stimme hallte förmlich in den Köpfen der anderen.

Kaum hatte sich die Tür hinter dem Pagen geschlossen hatte, löste sich Blakes Anspannung. Schließlich hing die weitere Unternehmung davon ab, dass sie das Zimmer direkt über 247 bekommen hatten. „Du hättest Schauspielerin werden sollen“, er lachte Trisha an, „wie du die unten überzeugt hast, dass wir unbedingt dieses Zimmer brauchen - einfach super“.
„Ach, nicht der Rede wert“, lächelte Trisha, „es hat mir Spaß gemacht. Und Überwindung brauchte es auch nicht“. Sie wischte Blake den Lippenstift von der Wange.
„Öhm... ja... wir sollten anfangen“. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Trisha nickte. „Okay“.
Blake öffnete die mitgebrachte Reisetasche und entnahm verschieden Geräte. Trisha schnappte sich ihren Minicomputer, während Blake sich den Laserbohrer griff und den Fußboden vermaß. Nachdem er den Punkt gefunden hatte, den er suchte, brachte er den Bohrer in Position, stellte ihn an und sah zu, wie er sich durch den Boden in den darunter liegenden Raum fraß.

„Wie weit bist du?“
„Die sind gut“. Trishas Finger huschten über die Tastatur. „Eine erstklassige Firewall“. Sie nickte anerkennend. „Aber ich bin besser. Ein bisschen dauert es noch“.
Der Bohrer hatte inzwischen sein Ziel erreicht. Blake legte ihn zurück und griff sich das Endoskop. Eine veraltete Technik, auf die Blake aber immer noch gerne zurückgriff. Er schob es durch die zuvor gebohrte Öffnung in den darunter liegenden Raum.
Wie nicht anders erwartet, war dieser leer. Blake zog das Endoskop zurück.
„Ich bin ja mal gespannt, ob das jetzt klappt“, murmelte er vor sich hin. Vorsichtig entnahm er aus einem gepolsterten Etui etwas, was wie ein kleiner Datenkristall aussah. Trisha sah über den Rand ihres Computers zu ihm herüber. „Ist er das?“ Sie wurde immer besser in der Benutzung des Interface. Blake nickte. „Ja. Hat einen Haufen Geld gekostet. Will hoffen, dass er das auch wert ist“.
Langsam, immer darauf bedacht, nicht anzustoßen, ließ er den Kristall samt Datenkabel in das Zimmer des Sicherheitschefs hinunter. Das andere Ende steckte er in eine Buchse an einem kleinen Kasten.
„Wie lange dauert das?“
„Ungefähr 10 Minuten. Wie weit bist du?“

Trisha grinste. „Sieh selbst“. Sie drehte den kleinen Bildschirm des leistungsstarken Minirechners zu Blake. Sie hatte die Sicherheitssysteme geknackt und hatte sich Zugang zu den hoteleigenen Datenbanken verschafft.
„Sieh mal zu, was du über unseren Freund finden kannst“.
Wieder wanderten die flinken Finger Trishas über die Tastatur.
„Eingecheckt als Anis Lohtnem, Kreditkarte, wohnt seit 10 Tagen in Zimmer 247. Total unauffällig. Keine Bestellungen oder so. Gar nichts. Hat nur einmal ein Tri-Vid-Gespräch geführt. Die Nummer gehört – Augenblick – gehört zu einem Taxiservice hier in der Stadt“.
„Da kann man ja endlich mal drauf aufbauen“. Er nickte Trisha zu. Das erste Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, Emilia doch noch finden zu können. „Gib das mal an die Jungs weiter. Die sollen sich drum kümmern.
„So, wollen wir doch mal sehen, was unser kleines Baby so drauf hat“.
Blake zog den Kristall vorsichtig wieder nach oben, hantierte an dem kleinen Kästchen, trat zwei Schritte zurück und legte den Kopf schief. „Hmm...“ Im selben Moment zuckte ein heller Blitz durch den Raum, so dass beide für einen Moment geblendet die Augen schlossen. „Verdammt noch mal“, schimpfte Trisha.
Langsam öffnete Blake seine Augen wieder um gleich darauf ein erstauntes ‚wow’ hören zu lassen. Wenn er nicht wüsste, dass es sich um eine 1:1 3D-Projektion des Raumes samt Inhalt handelte, er wäre davon ausgegangen, in Zimmer 247 zu sein.
„Das ist ja der Wahnsinn“. Trisha stand der Mund offen.
„Genug gestaunt, an die Arbeit! Sieh dich um, ob irgendwas verdächtig aussieht, dass uns weiter helfen könnte“. Trisha nickte nur.
„Nächste Ebene – UV-Licht“.
Doch wieder waren keine Auffälligkeiten erkennbar. „IR-Spektrum“. Doch wieder nichts. „Seltsam, so reinlich kann man doch gar nicht sein“. „Eine Ebene haben wir noch“, Blake lächelte aufmunternd, „Röntgen-Spektrum. Wir...“ Er hielt mitten im Satz inne und sah Trisha an. „Hast du das?“ Trisha nickte. „Okay. Dann hat das jetzt Vorrang. Vielleicht ist er noch da. Zwei Stunden sind kein übermäßiger Vorsprung“.

Etwa 30 Minuten später trafen sie vor dem Lagerhaus in einem Randbezirk der Stadt ein. Vic und Ikaru warteten im Schatten einer Mauer.
„Ist was passiert?“
Vic schüttelte den Kopf. „Seit wir hier sind, ist alles ruhig. Wir haben die Lage gecheckt, zwei Eingänge, keine Wachen, hinterm Haus steht eine schwarze HC-Limosine“.
„Ihr beide von hinten, wir kommen von vorn. Los! Und seid vorsichtig“
Es wunderte Blake etwas, dass die Türen nicht verschlossen waren, aber er hatte nicht das Gefühl, in eine Falle zu laufen.
Leise und vorsichtig durchsuchten die Vier das Gebäude. Als Blake um eine Ecke bog, überlief ihn Schauer. Doch es waren nicht seine Regungen, die er fühlte, sondern die Trishas. Sie hatte erstaunlich schnell gelernt, die volle Bandbreite des Interface zu nutzen.
Doch das, was den Schauer bei ihr ausgelöst hatte, zerstörte mit einem Schlag Blakes Hoffnung, Emilia noch zu finden.
Trisha hatte Anis Lothnem gefunden, doch helfen würde er ihnen kaum mehr können. Anis Lothnem war tot. Hingerichtet mit einem Genickschuss.

„Verdient hat er es nicht anders“. Ikarus Stimme klang kalt, als er auf den toten Anis hinunter sah.
„Vielleicht nicht, aber er hätte uns sicher noch helfen können“.
Alle schwiegen einen Moment.
„Das hilft doch alles nichts. Das übliche Procedere?“ Vic sah Blake fragend an. Der angesprochene nickte nur.
Die Täter hatten ganze Arbeit geleistet, es waren keinerlei Spuren zu finden. Offensichtlich waren es Profis, was eigentlich auch nicht anders zu erwarten war. Das einzige, was sie fanden, war eine Schlüsselkarte, die zu dem vor der Tür geparkten Hovercraft passte. Allerdings war Blake nicht der Meinung, dass die ihnen weiter half. Die Killer hatten sie vermutlich absichtlich zurückgelassen, da sie keine Gefahr dar stellte. Was es genau mit dem Fahrzeug auf sich hatte, ließ sich im Moment nicht ergründen, denn das Hovercraft war absolut sauber, wie der restliche Tatort.

„Was machen wir nun? Allzu viel haben wir ja nicht gerade“, stellte Vic fest. „Einen Toten, aber keine Spuren. Und keine Hinweise, in der Umgebung des Hotels kann sich niemand an den Kerl erinnern“.
„Bleibt zu hoffen, dass wir in seinem Zimmer noch was finden. Wir waren gerade dabei, die Scans auszuwerten“.
„Ich versteh das echt nicht“. Vics Blick schweifte ins Nirgendwo. „Man kann doch nicht irgendwo leben, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Das gibt’s einfach nicht“.
„Offenbar doch. Und scheinbar besonders dann, wenn dein Auftraggeber seine Spuren zu verwischen sucht“. Eine Falte erschien auf Trishas Stirn. „Das heißt aber doch auch, dass er Angst hat, enttarnt zu werden“.
„Ich glaube nicht, dass er davor Angst hat. Ich glaube eher, er wollte einen Unruhe- und Unsicherheitsfaktor beseitigen. Und mal ehrlich, glaubt hier einer von euch, wir finden die arme Frau?“
Ein betretendes Schweigen breitete sich aus. Normalerweise hätte Blake sofort dagegen argumentieren müssen, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte Ikaru nur ausgesprochen, was er selbst leider auch glaubte.

„Seid ihr da? Kann mich einer hören?“ Die Stimme des Schweigers war in den Köpfen der vier zu hören.
„Wenn du mit ‚ihr’ uns meinst, dann ja.“
„Was?!?! Ich meine euch!“
„Also wir?“
„Hä? Ihr macht mich irre!“
„Wieso ihr? Ich hab nichts gesagt“.
„Schluss damit!“
Blake reichte es jetzt. „Was ist los?“
„Da sind drei Kerle in Anzügen aufgetaucht und haben das Zimmer vom Sicherheitschef durchsucht. Keine Ahnung, ob sie was gefunden haben. Aber ich verfolge sie grade“.
„Gut. Bleib dran, wir sind unterwegs“.


Eigentlich wollte Blake selber sehen, was die drei Anzüge im Schilde führten, doch er überlegte es sich anders. Er ließ sich und Trisha am Hotel absetzen, um die begonnene Auswertung der Scans fort zusetzen und schickte Vic und Ikaru hinter dem Schweiger her.

Die Tür war noch nicht ganz hinter ihnen ins Schloss geglitten, da hatte Blake schon wieder das Kästchen mit dem Kristall in den Händen. Vorsichtig wie zuvor ließ er ihn durch das Loch in den Raum unter ihnen gleiten, verband alle Anschlüsse und startete den Scanvorgang. Die Zeit schien sich ewig hinzuziehen.
Endlich das erlösende Signal. Der Scan war vollständig.

Nachdem sie die zuvor unterbrochene Auswertung des ersten Scans abgeschlossen hatten, starteten sie den zweiten.
Die ganze Sache lief wie beim ersten Mal ab. Mit dem Unterschied, dass beide jetzt auf den Blitz vorbereitet waren und rechtzeitig die Augen schlossen.
„Gut, schauen wir mal, was wir da haben“. Trisha startete das Programm. Gebannt starrten die beiden auf den kleinen Bildschirm.
„Die drei waren echt gut“. Trisha nickte anerkennend. „Die haben überhaupt keine Unordnung gemacht. Alles liegt wieder dort, wo es beim ersten Scan lag. Man sieht überhaupt nicht, dass die das Zimmer durchsucht haben“.
„So gut können die gar nicht sein“. Blake fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Es war zum verzweifeln.
„Ha! Erwischt“. Trisha lächelte triumphierend. „Da ist es, bzw. ist es nicht mehr“.
Das Vergleichsprogramm hatte eine Unstimmigkeit gefunden.
Aus der kleinen Kommode neben dem Bett fehlte ein kleines Buch mit schwarzem Ledereinband, etwa 10x15 cm groß.

„Das bedeutet, sie haben das Buch noch bei sich“.
„So ist es. Sie haben bisher niemanden getroffen oder sind irgendwo stehen geblieben“.
Der Schweiger machte eine kurze Pause, ehe er fortfuhr. „Soll ich sie mir vornehmen?“
„Nein. Ich bin noch immer der Meinung, wir sollten uns bedeckt halten. Wenn du jetzt offensiv da ran gehst, wissen die sofort, das was im anrollen ist. Dann machen die dicht und das war’s endgültig. Und wer sagt uns denn, dass das Buch uns auch wirklich weiter bringt?“
„Also bleibe ich weiter dran und beobachte?“
„Ja“.


„Wenn der so weiter redet, müssen wir uns noch einen neuen Namen für ihn ausdenken“, Trisha lachte. „Aber mal ernsthaft. Ich denke schon, dass er irgendwie recht hat. Wir können doch nicht immer nur passiv bleiben und beobachten. So sind die uns immer einen Schritt voraus“.
„Ich weiß“. Blake seufzte.
„Aber das sind doch alles nur Handlanger. Wir müssen darauf vertrauen, dass die uns zum Boss führen“.
„Wenn du meinst...“

Die Zeit verging unendlich langsam und nichts weiter passierte. Vom Schweiger und den beiden anderen gab es nichts neues und auch Trisha und Blake kamen nicht wirklich zu neuen Erkenntnissen.

Dann endlich, nach einer quälenden Zeit des Nichtstuns, meldete sich Ikaru.
„Sie haben das Buch übergeben. Wir verfolgen den Kerl mit dem Buch jetzt weiter“.
Blake, der sich Trishas Einwand noch einmal durch den Kopf hatte gehen lassen, hatte eine Entscheidung getroffen. Sollten die Folgen dieser Entscheidung böse Folgen vor allem für Emilia haben, würde er damit leben müssen. Aber er hatte es satt und Trisha hatte recht.
„Wenn ihr sicher seid, dass er allein ist und ihr es unauffällig machen könnt, schnappt ihn euch. Wir erhöhen den Einsatz. Wir treffen uns am Lagerhaus“.

Trisha sah ihn mit großen Augen an. „Das hatte ich jetzt nicht erwartet“.
„Ihr hattet recht. Wir müssen endlich offensiver werden. Und eine bessere Chance werden wir wohl nicht bekommen“.
Die beiden packten ein paar Sachen zusammen, die sie eventuell brauchen konnten und verließen das Hotelzimmer.

Wie nicht anders zu erwarten, lag das Lagerhaus noch genauso verlassen und unberührt da, wie sie es verlassen hatten. Man würde Anis Lothnem sobald nicht finden. Wenn die Sache gelaufen war, würde Blake den Behörden vielleicht einen Tipp geben, damit er zumindest ein Begräbnis erhielt.
Sie hatten das Lagerhaus gerade noch einmal durchsucht, als sie draußen ein Hovercraft zur Landung ansetzen hörten.
Es war sicherlich riskant gewesen, den Wagen mitzunehmen, denn das Fahrzeug war, wie Trisha herausgefunden hatte, auf Anis Lothnem zugelassen worden. Gerade gestern erst. Aber das Risiko waren sie eingegangen.

Trisha spähte durch eins der ziemlich verdreckten Fenster nach draußen, nickte und öffnete dann das Tor. Ikaru und Vic traten, einen Blake unbekannten, bewusstlosen Mann zwischen sich, herein, während der Schweiger sich vor dem Gebäude postierte und die Gegend im Auge behielt.
„Ich glaube, mit dem Kerl haben wir einen Glücksgriff getan“. Ikaru warf Blake das besagte Buch zu. „Sieh selbst“.
Blake blätterte in dem Buch, das ungefähr zu Hälfte vollgeschrieben war und seine Augen weiteten sich vor Überraschung.
„Das darf doch nicht wahr sein. Ist ja ein Hammer!“
„Was ist denn? Was steht drin?“ Trisha trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und verrenkte sich beinahe den Hals, um einen Blick in das Buch zu erhaschen.

In dem Buch standen, sorgfältig mit Datum, Verkaufserlösen, Orten und Namen versehen, sämtliche Lieferungen, die Anis jemals getätigt hatte. Insgesamt 11 verschiedene Entführungen. Und jedes Mal war der Abnehmer dieser besonderen Waren dieselbe Person: ein gewisser Davy.
Es war also kein Wunder, dass sie dieses Buch unter allen Umständen haben wollten. Ein derart brisantes Stück konnte erhebliche Schwierigkeiten für diesen Davy bedeuten. Jetzt galt es herauszufinden, wer Davy war und Blake war sich sicher, dass der Kerl hier vor ihm, einen nicht unerheblichen Teil zu Lösung beitragen konnte.


„Wie geht’s ihm?“
„Nur keine Sorge! Der schläft nur ein bisschen. Vielleicht tut ihm etwas der Hals weh, wenn er aufwacht, aber er wird’s überleben“, grinste Vic.
„Weck ihn!“
Vic hielt ihm ein kleines Fläschchen unter die Nase und es dauerte nur kurze Zeit und der auf einen Stuhl gefesselte Mann kam zu sich.

„Na, ausgeschlafen?“
Blake beobachtete sein Gegenüber genau. Dieser reagierte nicht auf Blakes Frage, hob nur leicht den Kopf und mit einem schnellen Rundumblick hatte er seine Situation erfasst. Aber statt auch nur die kleinste Emotion zu zeigen, erwiderte er, mit einem vollkommene Ruhe ausstrahlenden Ausdruck, Blakes Blick. Dieser erkannte sofort, dass sie hier mit Gewalt nicht ganz viel würden erreichen können. Dieser Mann war ein Profi und Verhöre unter erschwerten Bedingungen würde ihn kaum zum Reden bewegen.

„Wir haben hier ein kleines Problem, Davy“.
Wie Blake diese plötzliche Eingebung gekommen war, wusste er später nicht mehr zu sagen. Und jeder Laie hätte sich gefragt, was das mit dem Namen sollte. Doch Blake war kein Laie und besaß dazu noch eine perfekte Beobachtungsgabe. Und so genügte ihm dieser Bruchteil einer Sekunde, den sein Gegenüber dazu brauchte, sich wieder zu fangen. Blake hatte das Zucken der Mundwinkel und der Augenlider sofort bemerkt und wusste, dass er einen Volltreffer gelandet hatte. Dieser Mann war tatsächlich Davy. Und damit kam das nächste Problem. Dieser Kerl war nicht der Boss. Auch wenn seine Kleidung dafür sprach, dass er relativ weit oben in der Hierarchie stand.
„Du brauchst nicht zu antworten. Hör einfach zu! Wir haben da vor einiger Zeit während einer Kreuzfahrt etwas verloren, das wir gerne wieder hätten. Wenn es nach mir ginge, mir wäre das egal. Aber mein Boss sitzt mir im Nacken. Du weißt, wie das ist...“ Blake fixierte Davy und bekam genau mit, wie es um Davys Mundwinkel zuckte, bevor er fortfuhr: „mir wäre es am liebsten, wenn wir die Sache friedlich, wie zivilisierte Menschen, regeln könnten. Denn eigentlich verabscheue ich Gewalt. Wir machen deinem Boss ein Angebot, Finderlohn natürlich inbegriffen und gut ist“.
Wieder machte er eine kurze Pause. „Wir können natürlich auch den anderen Weg gehen. Aber sei dir sicher, dass es dabei erhebliche Kollateralschäden geben wird“.

Blake war sich darüber im Klaren, dass er hier sehr hoch pokerte, denn sollte Davy die Sache nicht schlucken, würden sie sich an ihm die Zähne ausbeißen. Davy würde lieber drauf gehen, als etwas zu verraten.
„Du hast eine Stunde“.
Blake drehte sich um und verließ zusammen mit Trisha die Halle, während Vic und Ikaru zurückblieben, um Davy Gesellschaft zu leisten.

„Dir ist schon klar, sollte das schief gehen, haben wir ein Problem“.
„Ja, ich weiß. Kannst du ich von hier aus ins Netzwerk einklinken?“
„Regnet es im Serpens?“

Blake musste lachen. „Okay, sieh mal zu, ob du was über unseren Freund da finden kannst. Vielleicht ergeben ja Foto und Fingerabdrücke etwas“.

Blake sah hinaus aus dem Fenster und rieb sich die Schläfen. Was hatte er eigentlich hier verloren? Viel lieber wäre er zu Hause bei Kama. Bei dem Gedanken an sie überflutete ihn ein Gefühl der Wärme. Das war damals ein echter Glücksfall gewesen, sie getroffen zu haben...

„Bingo!“
Trisha riss ihn aus seinen Gedanken. „Ich hab da was. Sieh mal“. Blake stellte sich hinter sie und sah auf den Bildschirm ihres Computers.
Davy war polizeilich noch nicht in Erscheinung getreten, was Blake aber in Anbetracht der Tatsache, dass sie sich hier auf dem Maratin befanden, nicht weiter wunderte. Bei der Steuerbehörde jedoch sah die Sache anders aus. Diesen Bastarden zu entkommen war schier unmöglich.
„Ach du Scheiße!“ Entfuhr es ihm, um sich gleich darauf auf die Lippen zu beißen. „Das hat ja grade noch gefehlt. Das erklärt so einiges, wenn er tatsächlich für den die krummen Dinger drehen sollte. Dem gehört eins der mächtigsten Unternehmen im ganzen Serpens“. Blake rieb sich das Kinn. „Schau mal, was du über den so finden kannst“.

Pünktlich auf die Sekunde eine Stunde später baute sich Blake wieder vor Davy auf, der diesmal jedoch eine Spur nervöser wirkte.
„Bevor du jetzt antwortest, lass mich noch folgendes ergänzen: Es geht meinem Boss ausschließlich um dieses eine Stück. Die anderen Stücke“, Oxana würde ihn hassen für das, was er jetzt sagte, „kann van Braak...“, Blake wagte noch einmal einen riskanten Vorstoß, „... behalten. Nun?“

Davy zögerte noch immer. Er schien nicht damit gerechnet zu haben, dass sein Gegenüber wusste, für wen er arbeitet und dennoch die Courage, oder war es doch Wahnsinn?, besaß solch eine Forderung zu stellen. Denn Davy kannte niemanden, der es wagen würde, sich mit dem Syndikat anzulegen. Jedenfalls niemanden in unmittelbarer Nähe zum Serpens. Spontan schossen ihm die Green Invaders in den Sinn. Sollte dieser vertrottelte Spieler von Sicherheitschef es tatsächlich fertig gebracht haben, eine Gespielin des Gîmperators zu entführen? Zumal diese ja gar nicht das ursprüngliche Objekt gewesen war. Welche Chancen hatte selbst ein so mächtiges Unternehmen wie das Syndikat gegen das Gîmperium? Und Davy konnte sich an einer Hand abzählen, wer in einem solchen Fall an vorderster Front stehen würde, wer dem Syndikat die Sache eingebrockt hatte. Er bekam einen dicken Klos im Hals. Er überschlug in Windeseile seine Möglichkeiten und kam zu dem Schluss, dass es womöglich am besten wäre zu kooperieren.

„Ich...“, seine Stimme klang belegt, er räusperte sich, „ich brauche ein Com“.

Innerlich frohlockte Blake, doch er ließ sich nichts anmerken, stattdessen gab er Ikaru einen Wink, der eine Com-Einheit aus einem der Rücksäcke zog, sie Blake überreichte und auf einen weiteren Wink eine der Handfesseln Davys löste, damit dieser das Com bedienen konnte.
„Ich kann aber nichts versprechen“.
„Das ist uns bewusst, aber du solltest ihm klar machen, dass es sich für ihn lohnt, sich unseren Vorschlag anzuhören“.

Das war besser gelaufen, als Blake zu Beginn der Operation gedacht hatte. Davy hatte es tatsächlich geschafft, dass Lester van Braak ihnen einen Termin für den nächsten Tag gegeben hatte. Jetzt musste Blake sich nur noch überlegen, wie sie van Braak eine Übergabe Emilias schmackhaft machen konnten, ohne dass dieser sein Gesicht verlor. Wenn er überhaupt bereit dazu war Emilia herauszugeben.
So einfach wie hier mit Davy würde es ihnen Lester van Braak sicher nicht machen. Er stand einem riesigen Konzern vor und war sicher nicht durch Gutgläubigkeit und einen schwachen Charakter dorthin gelangt.


Als sie am nächsten Tag gegen Mittag auf dem Weg zu Lester van Braaks Privatresidenz waren, hatten sie sich vorher mehrere Szenarien zurecht gelegt und durchgespielt, von denen sie einige danach wieder verworfen hatten. Übrig geblieben waren drei.
So saßen also Blake, Ikaru und Vic in einem am Vormittag gemieteten Luxus-Hovercraft und waren auf dem Weg. Sie hatten sich noch dafür entschieden, sich neu einzukleiden. Trisha und der Schweiger waren zurück geblieben, um Davy zu bewachen. Und für Trisha gab es noch eine besondere Aufgabe, die nicht ganz ohne war, aber essentiell wichtig für eine ihrer geplanten Varianten.
Während sie durch die riesige parkähnliche Landschaft fuhren, die van Braaks Villa umgab, wurden aus den drei verbliebenen Plänen zwei. Das ganze Anwesen war besser gesichert als die Galaktische Zentralbank. Die ganzen technischen Sicherheitsanlagen wären mit einer entsprechenden Planung sicher zu umgehen, bzw. entschärfen gewesen, aber den letztendlichen Todesstoß versetzte dem Plan die Anwesenheit der Yplets, 6-beinige Raubtiere, die dafür bekannt waren, mit jedem ungebetenen Gast kurzen Prozess zu machen. An diesen Biestern war kein Vorbeikommen. Also kam eine Erstürmung des Anwesens und eine gewaltsame Befreiung Emilias nicht in Frage.

Nachdem die drei von einem Butler in die Eingangshalle gebeten worden waren, wurden sie von zwei Sicherheitsmännern auf Waffen durchsucht.
Der Butler führte sie, mit den Worten „Wenn die Herrschaften mir bitte folgen würden“ durch einen riesigen, mit edlen Hölzern und Marmor ausgekleideten Salon. Ein zweiter Butler erschien durch eine Tür auf der gegenüberliegenden Seite und stellte ein Tablett mit diversen Karaffen und Gläsern aus kostbarem Kristall auf einen schweren Tisch aus dunklem Juna-Marmor. „Herr van Braak lässt sich entschuldigen. Er ist aber in Kürze bereit, sie zu empfangen“. Mit einer leichten Verbeugung entfernten sich die beiden Butler.

„Ich glaube, ich werd auch Firmenchef“. Vic sah sich staunend um. „Wahnsinn!“ Immerhin war er so clever gewesen, die Unterhaltung nicht laut zu beginnen, denn Blake war sich sicher, dass Lester van Braak irgendwo in einem Nebenraum saß und sie abhörte. Das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnten, war, dass van Braak ihre Tarnung durchschaute. Also hieß es, den coolen Geschäftsmann zu geben, den man so leicht nicht beeindrucken konnte.
Relativ langsam und offensichtlich gelangweilt von dem, was er sah, schlenderte Blake durch den Raum. Und es gelang ihm auch, das von Trisha in der Nacht geschriebene Programm von dem kleinen Datenkristall auf das Terminal, welches in einer Ecke des Raums in die Wand eingelassen war, übergreifen zu lassen.

Etwa 20 Minuten ließ Lester van Braak sie warten, dann betrat er durch eine dritte Tür den Salon.
Blake hatte einen älteren Mann erwartet, der seine körperliche Gebrechen durch seine Sammlung zu kompensieren suchte. Van Braak jedoch war ein Mann mittleren Alters, groß von Statur, mit breiten Schultern und kräftigen Armen. Sein ganzes Auftreten war eine einzige Demonstration von Selbstbewusstsein, nur so strotzend vor Energie und dem Wissen um seine Fähigkeiten.
Blake erkannte sofort, dass sie bei ihm mit einem Bluff á la Davy nicht weit kommen würden. Wenn sie drohten, würden sie Taten folgen lassen müssen. Noch eine Variante. Blieb nur zu hoffen, dass Trisha ihren Teil würde erledigen können.

„Davy sagte mir, sie hätten mir ein Angebot zu unterbreiten? Ich hoffe für sie, es ist wichtig. Ich habe wenig Zeit. Also vergeuden sie sie nicht!“
Van Braak hielt offensichtlich nicht viel Smalltalk und kam gleich zur Sache. Auch wenn er etwas übertrieb, denn schließlich war Blake dabei gewesen, als Davy van Braak kontaktiert hatte und dieser war sofort Feuer und Flamme gewesen, als Davy mögliche neue Stücke für die Sammlung erwähnte.
„Nun, ich denke nicht, dass wir ihre Zeit verschwenden“. Blake hatte nicht die geringste Mühe, van Braaks stechendem Blick standzuhalten. „Sie werden merken, dass das Angebot, welches unser Klient ihnen zu unterbreiten bereit ist, ihnen eine maximale Gewinnausschöpfung bietet“. Hoffentlich klang er nicht zu geschwollen. Van Braak zeigte nicht die geringste Emotion und machte auch keine Anstalten, irgendetwas zu erwidern. Also fuhr Blake fort: „Sie haben vor einiger Zeit ihrer Sammlung von exklusiven Objekten ein neues Stück hinzugefügt“. Blake machte eine Pause, um Lester die Möglichkeit einer Reaktion zu bieten. Wieder nichts.
„Nun verhält es sich so, dass unser Klient gewisse Ansprüche an besagtem Objekt besitzt“.
Lester van Braaks Miene verriet langsam aufkommenden Ärger. „Natürlich ist unser Klient bereit, ihnen eine großzügige Entschädigung anzubieten, wenn er das Objekt in unversehrtem Zustand zurückerhält“.
Van Braaks Mundwinkel begannen zu zucken. „Den Weg hätten sie sich sparen können. Ich habe nicht vor, mich von Stücken meiner Sammlung zu trennen. Guten Tag!“
Ohne sie eines weitern Blickes zu würdigen, schickte er sich an durch dieselbe Tür zu verschwinden, durch die er zuvor gekommen war.
„Trisha, jetzt!“
Blake räusperte sich. „Einen Augenblick noch, Mr. Van Braak“.
Der angesprochene drehte sich um. Er schien sich nur schwer beherrschen zu können. „Was?!“
„Ich glaube nicht, dass sie es sich leisten können, das Angebot abzulehnen“.
„Was erlauben sie sich? Wissen sie überhaupt, wer ich bin? Mir gehört eins der mächtigsten Unternehmen und...“
„Gehörte“, Blake schnitt ihm das Wort ab, „sie haben die heutigen Börsennotierungen noch nicht erhalten, wie ich sehe. Bitte“, Blake wies auf das in der Wand eingelassene Terminal.

„Trisha, ich hoffe, dein Programm funktioniert. Jetzt kommt es drauf an“.
„Mach dir mal keine Sorgen. Was ich mache, das klappt“.


Lester van Braak war inzwischen kreidebleich geworden und starrte fassungslos auf den Monitor.
„Was... was habt ihr getan, ihr verfluchten...“
„Bitte. Wir wollen doch nicht ausfallend werden“.
Van Braak schnaufte nur und wusste nicht, was er erwidern sollte. Er starrte Blake nur fassungslos an.
„Wie ich bereits sagte, unser Klient ist ausschließlich daran interessiert, besagtes Sammlerstück zurück zu erhalten. Unversehrt“.
„Und wenn ich mich weigere?“ Lester gab sich noch nicht geschlagen.
„Dann sind sie ab sofort pleite und gesellschaftlich erledigt“. Einen leicht spöttischen Ton konnte Blake nicht unterdrücken.
Van Braak zögerte. Offensichtlich überschlug er seine Möglichkeiten. „Nun? Was schwebt ihnen vor?“ Er gab sich geschlagen.
„Sie übergeben mir die Ware und im Gegenzug erhalten sie die volle Kontrolle über ihr Imperium zurück“.
Irgendwie hatte Blake das Gefühl, die ganze Sache ginge mit einem Mal viel zu einfach über die Bühne. Besser, sie brachten alles schnell hinter sich, auch wenn das nun hieß zu improvisieren.
„Ich nehme doch stark an, dass sie keinen Wert auf unnötige Publicity legen, Mr. Van Braak. Daher möchte ich ihnen nahe legen, die Sache sofort über die Bühne gehen zu lassen. Ich bin durch unseren Klienten autorisiert, die nötigen Schritte auf unserer Seite sofort in die Wege zu leiten“.
„Kommen sie“.
Van Braak bellte einige Befehle in sein privates Com und führte Blake, Ikaru und Vic durch die Tür, aus der er vorhin erschienen war, in einen Teil des Hauses, der ganz offensichtlich nicht für die normalen Besucher zugänglich war, denn der Einrichtungsstil war ein vollkommen anderer. Natürlich nicht minder edel und kostbar. Aber doch irgendwie anders. Wohnlicher. Gemütlicher.
Es dauerte eine Weile, bis ein ziemlich griesgrämig drein schauender Kerl in einem dunklen Anzug erschien, vermutlich ein Leibwächter, man konnte die Blaster unter seinem Jackett erahnen. Auf seinen Armen trug er eine junge Frau, offensichtlich bewusstlos. Emilia. Ihr Körper war in ein kostbares rotes Kleid gehüllt. Blake war zwar kein Experte, aber er schätze, dass es sich um Shurion-Seide handelte. Die teuerste Seide überhaupt. Auf seinen skeptischen Blick hin beeilte sich van Braak zu versichern: „Keine Sorge, ihr fehlt nichts. Sie ist nur ruhig gestellt. Sie war etwas, sagen wir mal, unkooperativ“.
Blake musste sich gehörig zusammenreißen, um Lester van Braak nicht mit einem gezielten Schlag niederzustrecken. Stattdessen nickte er nur.

Auf Blakes Wink hin nahm Vic die bewusstlose Emilia auf den Arm.
„Sie werden sicher verstehen“, er wandte sich wieder an Lester van Braak, „dass wir gewisse Vorsichtsmaßnahmen getroffen haben. Sobald wir fort sind, werde ich das nötige veranlassen und sie werden in etwa heute Abend wieder die uneingeschränkte Verfügungsgewalt über ihr Unternehmen besitzen. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Tag. Ach, und beim nächsten Objekt, an dem sie Interesse haben, sollten sie sich vorher erkundigen, wie die Eigentumsverhältnisse liegen“. Diesen kleinen Nachsatz konnte er sich nicht verkneifen.

Erst nachdem sich das Tor hinter der schweren Limousine geschlossen hatte, atmete Blake tief durch und die Anspannung fiel etwas von ihm ab.
„Das lief ja besser als erwartet. Und nun nichts wie weg von diesem Planeten, bevor van Braak unser Manöver durchschaut“.
„Ich hätte den Kerl vorhin am liebsten an die Wand gestellt“. Vic ballte die Fäuste. „Was für ein Mistkerl. Was machen wir jetzt mit der Frau?“
„Lasst sie am besten schlafen. Sie sollte bekannte Gesichter sehen, wenn sie aufwacht“.
Die beiden anderen schwiegen.
„Trisha, die Sache ist gelaufen. Es hat prima geklappt. Packt eure Sachen und haut ab. Und sie zu, dass du Kathrin Aden erwischt. Sie soll sofort zum Maratin kommen und uns einsammeln. Und zwar am besten gestern!!“
„Alles klar. Wir treffen uns am Raumhafen“.


Als sie auf die Straße zum Raumhafen einbogen, verlangsamte Blake das Hovercraft und kam schließlich am Straßenrand zum stehen.
„Was ist los? Warum halten wir?“ Ikaru reckte sich nach vorne.
„Ich weiß nicht... Irgendwas stimmt nicht“. Blake rieb sich das Kinn.
„Sieht doch alles ganz normal aus“.
„Nein, Ikaru“. Vic gab ihm einen Klaps an den Kopf. „Guck doch mal genau hin!“
„Mir fällt nichts auf“.
„Äh“, stöhnte Vic, „es sieht alles normal aus, aber diese hektische Betriebsamkeit fehlt. Alles ist so... geordnet. Wie nach einem Drehbuch...“
„Verdammt!“ Blake hieb auf die Konsole. „Van Braak hat nicht lange gebraucht, um herauszufinden, was los ist“.

Blake drehte das Fahrzeug und sie fuhren zurück zur Schnellstraße. Bei der nächsten Gelegenheit verließen sie diese wieder, stellten den Mietwagen auf einem öffentlichen Parkplatz ab und machten sich zu Fuß auf den Weg, die noch immer bewusstlose Emilia tragend.
„Trisha? Planänderung. Van Braak hat was gemerkt. Wir sind zu Fuß unterwegs. Peil unser Signal an und hol uns ab. Hast du Kathrin erreicht?“
„Ja. Sie ist grade im Serpens unterwegs und kann in zwei Stunden hier sein“.
„Okay, sie soll dann mein Signal anpeilen und ein Shuttle runter schicken“.


Etwa eine halbe Stunde später gabelten Trisha und der Schweiger die vier auf. Trisha hatte sich zuvor die Gebiete um Yomuk näher angesehen und war auf einer alten Karte auf einen verlassenen Steinbruch, etwa 25 Kilometer außerhalb der Stadt gestoßen.
Die Fahrt dorthin glich einer Buckelpistenfahrt, denn die Wege waren schon seit Jahren nicht benutzt worden und in einem sehr schlechten Zustand. Sie hatten mit Anis Lothnems Hovercraft alle Mühe, voranzukommen.
Sie verstecken das Fahrzeug zwischen dem dichten Gestrüpp im Steinbruch und warteten, bis nach etwa einer Stunde die surrenden Triebwerke eines im Landeanflug befindlichen Shuttles zu hören waren.
Kathrin war persönlich gekommen und setzte das Schiff wenige Meter von ihnen entfernt sanft auf den Boden.
„Los, los, Beeilung!“ Sie steckte ihren Kopf aus der sich öffnenden Luke. „Die haben mich angepeilt. Dürfte nicht lange dauern und die sind hier“.

Kaum waren sie wieder in der Luft, meldeten die Sensoren zwei sich schnell nähernde Objekte. Eingehende Audioverbindungen, die Kathrin jedoch geflissentlich ignorierte.
„Jetzt wird’s lustig“. Kathrin grinste übers ganze Gesicht. „Schilde auf Maximum, alle Mann anschnallen“.

Kaum hatten sie ihren Gurt festgezogen, sausten bereits die ersten Raketen an den Fenstern des Shuttles vorbei.
„Mein Gott, was ist das für ein Kerl?“ Trisha wurde blass. „Die werden uns abschießen“.
„Nicht, solange ich hier fliege“.
Kathrin zog das Schiff in einem steilen Winkel nach oben, so dass die Treibwerke aufjaulten und das Shuttle zu erzittern begann. Auf der Steuerkonsole begann ein rotes Warnlämpchen wie wild zu blinken – Überlast! Kathrin beachtete es nicht. Stattdessen ließ sie das Shuttle seitlich nach hinten kippen, vollführte eine Drehung um die eigene Längsachse. Mit einem Kriegsgeschrei, das den amerikanischen Ureinwohnern des 19. Jahrhunderts gleich kam, feuerte sie, was die Waffen des Shuttles hergaben. In einem Kampf gegen ein anderes Raumschiff war das sicherlich nicht viel. Aber die beiden Atmosphärenjäger, die van Braak hinter ihnen hergeschickt hatte, hatten keine Chance. Sie zerplatzen in einem gleißenden Feuerball.
„So, das wird euch lehren, euch mit Kathrin Aden anzulegen“, murmelte sie mehr zu sich selbst. Dann drehte sie sich zu ihren Passagieren um. „Alles klar?“
Trisha, Ikaru und Vic, die mit offenem Mund und vor Schreck aufgerissenen Augen im Bauch des Shuttles saßen, konnten nur stumm nicken. Blake auf dem Co-Pilotensitz grinste. „Das hab ich vermisst. Und nun weg hier“.

Sie gelangten ohne weitere Zwischenfälle in den Orbit und in den Hangar der Felix. Emilia wurde sofort auf die Krankenstation gebracht und versorgt. Kathrin wich nicht von ihrer Seite. Und so hatte Blake nach langer Zeit wieder einmal die Möglichkeit, eine Brigantine zu kommandieren.
„Kurs setzen auf Sarn-Raal, Garborith, Station Hidden Persuasion“.

Lautlos glitt die Felix auf ihrem Weg zum Ziel durch den leeren Raum.
upic
in memoriam edward teach
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